Der Zauber des Unbekannten – meine drei Steckenpferde Der Zauber des Unbekannten – meine drei Steckenpferde Gastbeitrag: all i need. Brand Team Member Berni Fiedler
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Eine meiner ersten Kindheitserinnerungen war der Moment der Bescherung zu Weihnachten. Alles glitzerte und leuchtete und der kleine Berni stand vor einem Haufen säuberlich eingepackter Geschenke. Die meisten waren eckig, manche waren rund oder hatten bereits detaillierte Umrisse, die ihren Inhalt erahnen ließen. Alle hatten sie ihre Form, ihre Größe und vor allen Dingen ein Geheimnis – und das zu lüften war in diesem Moment das absolut Faszinierendste, was ich mir vorstellen konnte.

Dieses starke Verlangen nachzusehen, was sich unter den Papierhüllen versteckt, welche Geheimnisse es zu entdecken gilt, verfolgt mich seit jeher und ist eine große Triebfeder für mein sportliches Schaffen.

Vor allem und zu allererst beim Klettern, meinem ersten und liebsten Steckenpferd. Das auf den ersten Blick waghalsig anmutende Herumturnen an Felsformationen ist ein Schlaraffenland für jeden schwindelfreien Möchtegern-Columbus mit übermäßigem Bewegungsdrang, wie ich mich gerne sehe. Meine Liebe zum Klettern hat seinen Ursprung zu einem großen Teil in meiner kindlichen Neugierde allem Kletterbaren gegenüber. Auf der ganzen Welt gibt es Berge, Wände oder Felsblöcke, die es zu entdecken gilt. Gerade beim Klettern an meinem Leistungslimit, dort, wo Erfolg und Misserfolg hauchdünn beieinander liegen, ist die Frage, ob ich hinaufkomme auch immer zugleich die Frage, ob ich das mir vom Fels vorgegebene Rätsel lösen kann, oder eben nicht.

Natürlich braucht man fürs Klettern ordentlich Schmalz und natürlich braucht man einen profunden Schatz an Bewegungstechniken. Aber zu allererst braucht man das unbändige Verlangen, das Rätsel, das jede Kletterroute in sich trägt, zu entdecken und zu entschlüsseln.

Ein weiteres meiner Steckenpferde ist das landläufig als Skifahren bekannte Runterrutschen eines schneebedeckten Hanges auf zwei Brettern. Wie unfassbar weich und leicht und schnell und tief und geil kann sich ein in frisch gefallenem Pulver gezirkelter Schwung eigentlich anfühlen? Und wie unfassbar weich und leicht und schnell und tief und geil kann alleine die Vorstellung eines in frisch gefallenem Pulver gezirkelten Schwunges sein? Ob das Befahren des jungfräulichen Hanges besser als die Vorstellung ist, ist nicht wichtig. Entscheidend, sowohl für meinen skitechnischen, wie auch meinen dramaturgischen Bogen, ist die Vorstellung selber, die mein Verlangen nach Auflösung erst möglich macht (Ui, meine Sätze wachsen indirekt proportional mit ihrer Verständlichkeit. Ich werde mich bessern!).

Bei meinem dritten Steckenpferd, dem Surfen bleibe ich sachlich. Ich bin ein schlechter Surfer. In Anbetracht der Tatsache, dass ich schon seit über zehn Jahren surfe, bin ich ein miserabler Surfer. Für einen Binnenländer surfe ich ganz leidlich, bin aber global gesehen immer noch ein miserabler Surfer. Glücklicherweise ist es für mein Glücksgefühl vollkommen belanglos, wie versiert ich eine Welle reite. Ja, eigentlich fördert mein schlechtes Surfen meinen Genuss, rede ich mir zumindest gerne ein. Stehe ich auf dem Brett, habe ich keine Ahnung, was die Welle im nächsten Moment mit mir machen wird. Meine freudige Erwartung, die mich jeden Moment, den ich am Board stehe, auskosten lässt, schulde ich also meiner Unsicherheit beim Surfen. Diese armen Profisurfer müssen die radikalsten Manöver machen, nur um in den gleichen Genuss der Unsicherheit zu kommen, den ich schon beim einfachen Hinübergleiten habe. Nicht nur die sportliche Tätigkeit des Surfens, sondern auch die ganzen Begleiterscheinungen sind, ähnlich denen beim Klettern, mehr als nur angenehm. Ich denke da an das Bereisen fremder Länder, die vielen Stunden des heiligen Nichtstuns, das Entdecken neuer Küstenabschnitte oder das Schlafen unter freiem Himmel. Der ganze Tagesablauf richtet sich nach dem Rhythmus des Meeres und so weiter und so fort. Klingt kitschig? Das lässt sich kaum vermeiden. Meine drei Steckenpferde werden gehegt und gepflegt und das kann schon mal zu schönen all i need. Momenten führen.

In diesem Sinne

Cheers – Berni

 

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